Die folgende Geschichte wurde mir von Heidi Roloff (geb. Rost) zur Verfügung gestellt. Sie wurde 1944 in Rathenow geboren und wohnte bis 1960 in der Rhinower Straße 1, für das Wohnhaus an der Jederitzer Brücke wurde am 17.09.1876 Bauantrag gestellt.


Eine Verbreitung oder Vervielfertigung des Textes und der Bilder, in veränderter oder unveränderter Form, ist nur nach vorheriger, schriftlicher Zustimmung durch Heidi Roloff gestattet.

Auszug aus "Wollen wir tauschen? - Erinnerungen an eine Kindheit"

Sie hieß Susi und war unsere Ziege. Unsere Ziege hieß immer Susi. Der Einfachheit halber und wohl auch, damit ich die von Zeit zu Zeit stattfindenden Wechsel nicht so krass mitbekam. Die Susi, von der ich hier berichten will, war schon ein besonders erinnerungswürdiges Exemplar. Sie war schneeweiß, hatte einen prächtigen Ziegenbart und sanft geschwungene Hörner. Sie war, rein optisch betrachtet, eine schöne Vertreterin ihrer Art. Nur charakterlich machte sie Schwierigkeiten. Nicht, dass wir ihr, wenn sie nach Ziegenart alles anfraß, was in die Reichweite ihrer gelben Zähne kam, dieses Vergnügen grundsätzlich missgönnt hätten.                        

Eine Ausnahme bildete da vielleicht die Sache mit den Geschäftspapieren, die sie mit langem Hals durch das Büro-Fenster geklaut und genüsslich verzehrt hatte. Und auch die angefressene Bettwäsche hinten auf dem Trockenplatz neben der Zimmerei war etwas, was man ihr lange nicht verzieh. Wirklich ärgerlich wurde es, wenn sie gemolken werden sollte. Eine Ziege hielt man sich schließlich nicht wegen der Optik oder ihres angenehmen Geruches wegen. Sie sollte die zur Ernährung notwendige Milch liefern, und von der trennte sie sich grundsätzlich nur unter Protest. Anfangs hatte Großmutter mit Susis immer Geduld. Junge Ziegen müssen sich erst daran gewöhnen, regelmäßig gemolken zu werden. Diese Susi tänzelte auch noch nach wochenlangen Bemühungen ständig herum. Nur durch Zufall erwischte Großmutter mal eine der Zitzen, und wenn sie dabei etwas Milch herausbekam, traf der Strahl mit Sicherheit nicht in den  bereitgehaltenen Eimer. Großmutter übte sich weiterhin in Geduld, und es kam wirklich der Tag, an dem das Melken ganz wunderbar klappte. Das Eimerchen wies eine Füllhöhe auf, die einer Ziege würdig war, und Großmutter schickte sich gerade an, die Prozedur zu beenden, als Susi plötzlich mit beiden Hinterbeinen gleichzeitig in die Luft sprang, um dann zielsicher im Eimer zu landen. Überflüssig zu erwähnen, dass die Melkzeremonie ab sofort drastisch geändert wurde. Von nun an leistete ich Hilfestellung. Wenn Susi gemolken werden sollte, griff ich ihre beiden Hinterbeine und hob sie gleichzeitig in die Höhe. So war sie gezwungen, zappelnd zwar und nur auf den Vorderbeinen stehend, das Unvermeidliche über sich ergehen zu lassen. Stand ich mal nicht zur Verfügung, wurden die  Vorderbeine gefesselt und die Hinterläufe an einem Baum festgebunden. Arme Susi, sie gehörte nicht zu denen, die besonders alt wurden. Eines Tages kam eine neue Ziege zu ihr in den Stall und an einem der darauf folgenden Sonntage gab es wieder einmal Ziegenbraten. Susi schmeckte ziemlich streng. Übrig blieb das Fell. Für ein Ziegenfell bekam Großmutter in West-Berlin - je nach Größe - 5 bis 7 West-Mark.

Davor aber lag Staaken. Schon der Name allein stand für Angst. Staaken war die Grenze zwischen Ost und West. In Staaken war Endstation für jeden Zug. Die Reisenden mussten aussteigen und wurden dann hintereinander durch Kontrollbaracken geschleust. An mehreren finster und prüfend blickenden Polizisten vorbei, die sich ihre Opfer meist stichprobenartig und von der Tageslaune abhängig herausfischten. Besonders gefürchtet waren die "Flintenweiber", wie wir sie nannten. Jene weiblichen Kontrollbeamten ohne jede Gefühlsregung, ohne jedes Mitleid. Wehe dem, auf den ein ausgestreckter Zeigefinger zuschnellte: "Sie, ach kommen sie doch mal bitte!" Das bedeutete Einzelkontrolle in einem der hinteren Räume der eigens für diesen Zweck aufgestellten Baracke. Wenn ich Großmutter nach Berlin begleitete, bot das offenbar einen gewissen Schutz. Einer älteren Frau mit Kind traute man so schnell keine verbotenen Handlungen zu. Hatten die eine Ahnung - die kannten meine Großmutter nicht, zum Glück!! Waren die Kontrollbaracken überwunden, verließ man den Bahnsteig über eine Eisenbrücke, die die Schienen überspannte. Oben, genau in der Mitte dieser Brücke, verlief die Grenze. Ein kleiner Schritt hinüber - und man hatte es mal wieder geschafft! Die Luft erschien klarer und die Sonne heller. Das empfanden wohl auch viele der übrigen Reisenden so. Hier oben verharrten sie für einen kurzen Moment und atmeten tief durch. Plötzlich fanden sie auch die Sprache wieder. An diesem Punkt, wenn ich mit dem einen Bein noch im Osten und dem anderen schon im Westen stand, fiel mir auf, wie bedrückend still es im Zug gewesen war.

Susi hatte ein 7-Mark-Fell hinterlassen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis der Geruch soweit entfremdet war, dass er nicht schon von Ferne verräterisch in die Nase stieg. Jetzt stank das Fell nach allem Möglichen, unter anderem auch penetrant nach Sagrotahn. Großmutter fand, es sei Zeit, nach Berlin zu fahren, allein, wie sie betonte. Sie war gertenschlank und flach wie ein Bügelbrett. Nun wickelte sie sich das Susifell um den Leib, zog einen Mantel darüber und sah noch immer durchaus nicht unförmig aus. Als Gepäck hatte sie eine große, schwarze Einkaufstasche bei sich, die ein Geheimnis barg: einen doppeltem Boden, eine mit schwarzem Stoff überspannte Pappe. Darunter schlummerte eine Lage frischer Eier, einzeln verpackt in die von mir sorgfältig zerteilte Tageszeitung, um sie vor Beschädigungen zu schützen. Eine Seite "Der Morgen", die zu lesen schon von einer gewissen Aufmüpfigkeit zeugte (der linientreue Bürger hatte mindestens die "Volksstimme" abonniert), ergab in der normalen Verwendung acht Papierstücke in der Größe, wie sie auch als Klopapier auf den verbogenen Drahthaken im stillen Örtchen gespießt wurden. Es war meine Aufgabe, darauf zu achten, dass der Vorrat nie ausging und es war ratsam, dieser Verpflichtung gewissenhaft nachzukommen. Die Familie verstand in diesem Punkt nicht sehr viel Spaß. Über den getarnten Eiern lagen nun all die üblichen unverfänglichen Dinge, die eine Frau aus der Provinz so bei sich hat, wenn sie in die große Stadt fährt. In Berlin gab es für die geschmuggelte Ware feste Stammkunden, und die paar Pfennige, die die Eier immer wieder einbrachten, waren eiserne Reserve für wichtige Investitionen. So ausstaffiert, wollte sich Großmutter nun in Richtung Bahnhof auf den Weg machen. Sie kam, um sich von uns zu verabschieden, und als sie sich zum Gehen umdrehte, platzte ich fast vor Vergnügen. Hinten, aus dem dunkelblauen Mantel heraus, baumelten zwei schneeweiße Ziegenbeine.

Am Nachmittag war Anprobe bei Ursel. Sie wohnte uns gegenüber auf der anderen Straßenseite und war die Tochter eines Kleinbauern. Es gab hinter dem Haus der Familie auf dem kleinen Hof ein paar Ställe mit Schweinen, Kühen, Hühnern und Enten. Ursel war ungefähr im gleichen Alter wie meine Mutter, und ich durfte "Du" und "Tante" zu ihr sagen. Ihre Hände rochen immer nach Arbeit. Neben der Hausarbeit nähte sie - hauptsächlich für Kinder. Im Moment war ein hellblaues Kleid für mich im Werden. Ich stand auf dem Küchentisch, drehte mich langsam um die eigene Achse, und sie steckte die Rocklänge ab. Dabei hatte sie wie immer einen Vorrat an Stecknadeln zwischen den Lippen, was ihre Sprache etwas nuschelig klingen ließ. Meine Mutter schilderte ihr sehr anschaulich die Geschichte mit den Ziegenbeinen. "Was mir neulich passiert ist, war auch nicht schlecht", lachte Ursel. "Ich hab Dir doch mal erzählt, dass wir noch zwei silberne Suppenkellen haben. Was sollen wir hier damit, und du hattest mir doch diese Adresse in Berlin gegeben, wo die so was kaufen. Da hab ich mir neulich gedacht, jetzt verkaufst du sie endlich. Das Problem war nur, wie wegschaffen? Na, und da hatte ich dann eine Idee. Ich hab mir die Dinger einfach, eine links, eine rechts, in den Büstenhalter gesteckt, Stiele nach unten, und mit einer elastischen Binde um den Bauch festgebunden. Ging wirklich ganz prima. Man konnte auch überhaupt nichts sehen. Nur beim Laufen war es ein etwas komisches Gefühl. Der Zug war natürlich wieder knackevoll und ich musste stehen. Du kennst das ja, aber in Wustermark wurde ein Platz frei. Genau gegenüber von einem Vopo. Ich mich also da hingesetzt und was soll ich dir sagen? Der kuckt mich plötzlich mit tellergroßen Augen an. Ich wusste zuerst gar nicht, was er hatte, und dann wurde es mir schlagartig klar: mein Busen saß mir plötzlich unter dem Kinn! Ich kann dir sagen, ich aber hoch und raus aus dem Abteil, das war alles eins. Der Kerl war glücklicherweise nicht besonders helle im Kopf und hat so schnell nichts begriffen. Den Rest der Fahrt habe ich im Gang gestanden und in Staaken hatte ich dann noch mal Glück - mich hat keiner kontrolliert. Apropos Staaken: Hast du schon gehört, Staaken ist umbenannt worden. Es heißt ab sofort 'Schillerstadt', weil sie da nun schon seit Jahren 'Die Räuber' spielen." Die beiden Frauen schütteten sich aus vor Lachen.

Ursels Mutter kam in die Küche. "Ja, ja, wennde weiter sonne Sachen machst, kriejen se dir doch noch ma ran. Der Herd is aus, ick muss Jlut ruffholn." Ich steckte inzwischen wieder in meinen ausgebeulten Trainingshosen und hatte den unvermeidlichen Rock darüber gezogen. "Darf ich mit?" "Dieses Kind, was gibt es denn da zu sehen?" wunderte sich meine Mutter. Ich wusste das genau. Ich sprang hinter Frau Kriwitz her die Steinstufen zum Hof herunter. Links neben der Treppe lag die Futterküche. Hier brannte fast ständig ein Feuer im Herd, und darauf wurde in großen Kübeln das Futter für die Schweine gekocht. Frau Kriwitz nahm eine Eisenschaufel, und nun kam es: sie öffnete die Feuerklappe des Herdes, langte mit spitzen Fingern hinein, griff ein Stück glühende Kohle heraus und warf es auf die Schaufel. Das wiederholte sich so lange, bis sie meinte, nun sei es genug. Dann trug sie die Schaufel nach oben und entfachte das Feuer im Küchenherd neu.

"Justav", ihr Mann, hatte sich jetzt auch zu uns gesellt. Seine Besonderheit war, dass er keinen einzigen Zahn mehr im Mund hatte und sich standhaft weigerte, ein Gebiss zu tragen. Er aß alles. Hartes Brot, zähes Fleisch - seine Kiefer waren knochenharte Kanten, die alles zermalmten, was dazwischen geriet. Ihm beim Essen zuzusehen, war ausgesprochen lustig. Das ganze Gesicht war in Bewegung. Die Nase schob sich zusammen, die Ohren wackelten - es gab nichts, was nicht in den Kauprozess mit einbezogen wurde. Natürlich musste ich todernst bleiben, wenn ich ihn so sah, und das war nicht immer ganz einfach. Er griff nach einem Apfel und sagte mampfend und schmatzend zu Ursel: "Ick jlobe, die Enten müssen ma jebadet wer'n. Könnste doch eijentlich jleich machen, wennde hier fertich bist." Enten baden?? Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Wer machte denn so was? Ich warf einen Blick aus dem Fenster auf den Hof und begann zu verstehen. Dort unten entdeckte ich jetzt, nach genauerem Hinsehen, zehn halbwüchsige Entenküken neben einer Schlammpfütze. Ihre Farbe war völlig  undefinierbar, und sie hoben sich von dem Untergrund nur dann ab, wenn sie sich bewegten. Ich hatte sie vorher glatt übersehen. Meine Mutter verabschiedete sich, und ich blieb natürlich noch. Wir suchten uns eine Weidenkiepe und gingen auf Entenjagd. Die armen Viecher hatten an ihrer Drecklast schwer zu tragen, und wir hatten sie bald alle eingefangen. Ab ging es damit, rüber zu uns, an die Rutsche (die Schräge aus Holzbohlen, die bis ins Wasser reichte und auf der Baumstämme nach oben zum Gatter gezogen wurden, um  dort zu Brettern zersägt zu werden). Dort erstmal in Freiheit, dachten wir, sie würden sich sofort mit Enteninstinkt in das ihnen angeborene Element stürzen. Diese Enten nicht! Aufgeregt schnatternd, watschelten sie hin und her und durcheinander, rannten sich gegenseitig um, stolperten übereinander, aber machten keinerlei Anstalten, ins Wasser zu gehen. Ursel griff ein. Alle wieder rein in die Kiepe. Der Kahn lag wie immer an seinem Platz, und von der Spitze aus setzte sie die Küken ins Wasser. Mit weit vorgestrecktem Hals fing eines nach dem anderen an, wie um sein Leben zu paddeln. Die ganze Länge des Kahnes musste geschwommen werden, um das rettende Ufer wieder zu erreichen. Plötzlich versank das erste Entchen. Nur noch der Kopf und ein Stück des Halses ragte aus dem Wasser. Das zweite lag etwas besser im Rennen. Erst kam der Kopf mit Hals, dann Wasser, dann, wie eine kleine schmutzige Insel, ein Stück Rücken, dann wieder Wasser und zum Schluss ein kleines zerrupftes Dreieck - der Schwanz. Der Anblick war  jammervoll. Ein Küken nach der anderen sackte ab. Ich zählte durch und kam nur bis neun. Eines war offensichtlich schon völlig weg. Dann sah ich es kurz unter der Wasseroberfläche treiben und watete schnell hinterher. Die Wiederbelebungsversuche hatten Erfolg. Das war gerade noch mal gut gegangen! Ursel hatte inzwischen die übrigen Tiere eingesammelt. Sie hockten völlig erledigt auf der Rutsche. Wir haben sie dann einzeln solange eingeweicht und gewaschen, bis die ursprünglich gelbe Farbe wieder zum Vorschein kam. Als ich Petra von gegenüber am nächsten Tag erzählte, bei uns seien Enten beinahe abgesoffen, tippte sie sich vielsagend an die Stirn.

Am Abend kam Großmutter aus Berlin zurück. Sie ging etwas merkwürdig. "Oh, Kinder, befreit mich bloß von dem Panzer!" Um den Leib gewickelt trug sie nun nicht mehr ein Ziegenfell, sondern ein langes schmales Sägeblatt für die Bandsäge in der Zimmerei. Seit Tagen hatte die Arbeit dort ruhen müssen, denn Ersatz gab es bei uns nicht…