Günter Sieling gehörte dem Pionierbataillon 39 an, das 1937 in Wittenberg aufgestellt wurde. Am 3. April 1938 wurde dieses Bataillon in die neue Garnisonstadt Rathenow verlegt, wo es in die neu gebauten Kasernen im Norden der Stadt einzog. Die folgenden Zeilen und Fotos stammen auszugsweise aus der Niederschrift der Lebenserinnerungen von Günter Sieling und erzählen seine Erlebnisse in Rathenow. Der erste Band seiner Lebenserinnerungen ist bereits im Handel erhältlich. Nähere Informationen können Sie gerne direkt vom Autor bekommen: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , www.guenter-sieling.com.

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LEBENSERINNERUNGEN - Von Günter Sieling

Pionier-Bataillon 39
Die Geschichte dieses Bataillons verläuft in den ersten beiden Jahren nach der Einführung der Wehrhoheit anders, als bei den Verbänden der Berlin-brandenburgischen Regimenter und Bataillone.

Es entstand 1935 aus Abgaben der Pionierbataillone 9 und 44, deren Kader wiederum von den Pionierbataillonen 4 (Magdeburg) und 5 (Ulm) gekommen waren und lag zunächst in den Kasernen von Wittenberg an der Elbe. Kommandeur ist Oberstleutnant Müller. Im Oktober 1937 wird die 1. Kompanie unter Hptm. Beigel und eine weitere, aus allen anderen Kompanien gebildete Einheit unter Oblt. Groeneveld als Pionier- bataillon 39 aufgestellt und nun in den Verband der 3.Panzerdivision eingegliedert. Am 3.4.1938 wird das Pi.Btl.39 in die neu erbauten Kasernen nach Rathenow verlegt. Alles wurde feldmarschmäßig verladen. Auch die gesamte Pionierausrüstung des Bataillons und natürlich auch unsere in den Spinden aufbewahrten bescheidenen Privatsachen wurden mitgenommen. Gleich am ersten Abend unseres Einzugs in die Rathenower Pionierkaserne schrieb ich an meine Eltern nachfolgenden Brief:

„Liebe Eltern! Heute schreibe ich Euch nun den ersten Brief aus meiner neuen Garnisonstadt Rathenow. Die ganzen letzten Tage standen im Zeichen des Umzuges. Sämtliches Stubeninventar wie Handtücher, Bettzeug usw. wurde schon vorher abgegeben. Unsere Geräte, Möbel usw. wurden schließlich am Freitag in einen Güterzug verladen. Etwa 30 Eisenbahnwaggons benötigte unser Bataillon zum Verladen des gesamten Geräts. Es war keine leichte Arbeit, die schweren Kisten zu bewegen. Bereits morgens um 7 Uhr haben wir mit dem Verladen begonnen und erst um 4 Uhr nachmittags war alles verstaut.

Die letzte Nacht in Wittenberg schliefen wir in Rock und Hose. Unsere eigenen „Klamotten“ haben wir auch in Koffer und Kisten verpackt. Am Sonnabend war also bereits um 3 Uhr Wecken. Um 5 Uhr nahmen wir dann endgültig Abschied von Wittenberg. Ehe wir die Stadt verließen, machten wir noch eine Rundfahrt durch die Hauptstraßen. Ehrlich gesagt, war es nicht ganz leicht, sich von einer Garnison zu trennen, in der man sich nun schon eingelebt hatte.Aber unser Einzug in Rathenow verwischte bald alle Bedenken. Etwa um 11 Uhr vormittags hatte unsere lange Wagen- kolonne Rathenow er- reicht. Vor der Stadt machten wir Halt, empfingen Essen aus der Feldküche und machten uns fertig zum Ein- marsch. Um 15 Uhr rückten wir dann in die Stadt ein. Die Straßen, durch die wir marschierten, waren beflaggt und mit Transparenten geschmückt. Eine Ehrenkompanie, Vertretungen der Partei, SA, HJ, BDM, SS, Kriegervereine usw., sowie eine große Menschenmenge waren zu unserem Empfang erschienen. Die Parade wurde von zwei Generälen der Pioniere abgenommen. Im ganzen wurden 7 Ansprachen gehalten. Den Schluss bildete eine Vorbeifahrt in unseren Wagen. Mit unseren Kasernen sind wir vollkommen zufrieden, auch wenn leider noch nicht alles ganz fertig ist. Die Anlage der Gebäude mitten in einem Nadelwald ist jedenfalls wesentlich besser, als in Wittenberg. Am Sonnabend schafften wir nur unser Gepäck auf die Stuben und zogen uns dann sogleich um, da wir am Abend bereits ein großes Kompaniefest ver- anstalteten. Der große Saal, in dem das Fest stattfand, war vollkommen überfüllt. Die Stadt Rathenow hatte Kartoffelsalat, Würstchen und Bier für uns spendiert. Die Stimmung war ganz groß. Am darauf folgenden Sonntag hatten wir dann genug mit dem Einräumen unserer Spinde zu tun. Gegen Abend habe ich einen ersten Stadtspaziergang unternommen und einen Kinobesuch absolviert.“


Nach der Parade Fahrt durch die Rathenower Jederitzer Straße zu den Kasernen


Nachdem wir unsere Rekrutenzeit bereits in Wittenberg beendet hatten, in der wir neben unserem speziellen Pionierdienst natürlich auch eine infanteristische Grundausbildung absolviert hatten, war der Dienst in den nächsten Monaten etwas lockerer. Wir hatten weniger Exerzieren und Appelle, dafür aber mehr Gefechtsübungen und Gefechtsschießen. ...

...Nach der Rückkehr aus dem von uns wieder besetzten deutschsprachigen Sudetenland, das Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg an die Tschechoslowakei hatte abgeben müssen, kehrten die Truppenteile wieder in ihre Heimatgarni- sonen zurück. Obwohl die vergangenen 6 Wochen für uns alle ein unver- gessliches Erleb- nis gewesen sind, waren wir doch recht froh, dass wir am 23. Oktober 1938 wieder in unserer Garnisonstadt Rathenow zurückkehren konnten. Ganz Rathenow war auf den Beinen und winkte uns zu, als wir am Sonntag wieder einrückten. Da sind wir ja schließlich auch zuhause, während man bei solchen Einsätzen entweder in Zelten und auf Truppenübungsplätzen kampieren muss, oder bestenfalls die Gastfreundlichkeit der Bevölkerung in Anspruch nimmt.
Zurückgekehrt in unsere Garnison nach Rathenow, brauchten wir eine Weile, um uns wieder an den geregelten Kasernenbetrieb zu gewöhnen. Vorerst galt es, alle für den Einsatz benötigten Geräte wieder in Ordnung zu bringen und in die Geräteschuppen zu verladen, sowie unsere Fahrzeuge einer eingehenden Inspektion zu unterziehen. Bevor im November 1938 der neue Rekrutenjahrgang einrückte, wurde aus Teilen der 1. und 2. Kompanie eine sog. Rumpfkompanie für die 3. Kompanie gebildet, denn zur planmäßigen Kampfstärke des Pionierbataillons gehörten neben der Stabskompanie, der Brückenkompanie und dem Tross insgesamt 3 Kompanien. Es ergab sich, dass auch ich zu dieser neuen 3. Kompanie versetzt und nach meiner Beförderung zum Gefreiten am 1. November 1938 als Stubenältester und Hilfsausbilder für die neu einzurückenden Rekruten bestimmt wurde. Erfreulich war, dass wir nun öfters Urlaub bekamen und ich so auch wieder häufiger Kontakt mit der Familie bekam. Nur schwerlich kann man sich heute im Zeitalter digitaler Informationstechnik und mobiler Handys vorstellen, dass die terminlichen Abstimmungen mit Eltern und Verwandten damals meistens per Postkarte oder Brief vorgenommen wurden, denn das Telefon im Haus war noch längst keine Selbstverständlichkeit, wovon meine zahlreichen bis heute aufgehobenen Postkarten Zeugnis ablegen. ...

...Für uns Gefreite im 2. Dienstjahr gestaltete sich nun der tägliche Dienst etwas erträglicher, obwohl man andererseits als Stubenältester mehr Verantwortung und Pflichten übernommen hatte. Bis auf ein „Nesthäkchen“ von 17 Jahren waren meine Stubenkameraden alle älter als ich (fast 21 J.) Aber dadurch wurde das gute Einvernehmen unter uns nicht gestört. Die Ausbildung des neuen Rekrutenjahrganges ging intensiv und zügig vonstatten. Natürlich brauchten wir als bereits einjährig Gediente nicht mehr am Exerzieren teilnehmen, und auch keine Rödelträger oder schweren Pontons mehr tragen. Auch bekamen wir häufiger Urlaub an den Wochenenden. Aber nicht immer fuhren wir nach Hause, denn auch in der Garnisonstadt Rathenow konnte man sich vergnügen. Schöne Spaziergänge und Wassersport im Havelland. Am Wochenende besuchte man häufig Speiserestaurants, die sich auf die Bedürfnisse der Soldaten eingerichtet hatten und abwechslungsreiche Speisen zu erschwinglichen Preisen boten. Am Abend vergnügten wir uns dann in einem Tanzlokal bei fröhlichem Tanz mit der holden Rathenower Weiblichkeit. So mancher ehemalige Wehrdienstleistende hat die Frau seines Lebens hier in unserer Garnisonstadt Rathenow gefunden. Irgendwann im Frühjahr 1939 knüpfte ich bei einer derartigen Tanzveranstaltung als schüchterner Gefreiter die ersten zarten Bande zu meiner offenbar schon erfahrenen Tanzpartnerin Gerlinde. Als ich sie eine Woche später zum zweiten mal Abends nach Hause begleitete, wie es sich für einen züchtigen Tanzpartner geziemte, schlang sie kurzer Hand ihre Arme um meinen Hals und küsste mich auf meinen Mund. Ich bin so ehrlich, zu bekennen, dass dies für mich der erste richtige Liebeskuss war. Damit war für mich als „Spätzünder“ ein Knoten geplatzt und ich hatte Gefallen daran gefunden, denn von nun an übernahm ich die Initiative und das nicht erst beim Gutenachtkuss vor der Haustür. Leider währte diese erste Bekanntschaft mit der holden Weiblichkeit nicht sehr lange, denn bereits am 1.März 1939 wurde die Ausbildungszeit für unsere neuen Rekruten durch eine Abschlussbesichtigung beendet. ...


Februar 1939: Pionier – Rekruten bei der Flammenwerferausbildung auf dem Landbungsplatz in Rathenow

...Am 10.März um 18 Uhr gab es bei uns den ersten Mobalarm. Wir packten unsere Privatsachen in mit jeweiliger Heimatanschrift versehene Koffer und nachdem wir noch zwei Nächte angekleidet geschlafen hatten, starteten wir Richtung Dresden zum Truppenübungsplatz Königsbrück.
Während wir in diesen Tagen von der gleich geschalteten Presse und aus Radiomeldungen über die täglichen Feindseligkeiten der Tschechen gegenüber deutschen Bürgern informiert wurden, wissen wir heute, dass diese im März 1939 gestarteten Spannungen und politischen Drohungen künstlich von der deutschen Propaganda erzeugt wurden, um das Klima für einen abermaligen militärischen Einsatz vorzubereiten. Unter Ausnutzung des geschichtlichen tschechisch-slowakischen Gegensatzes wurde am 14. März 1939 die Slowakei als selbständige Republik ausgerufen und die Rest-Tschechei einen Tag später von deutschen Truppen kampflos besetzt. Auch mit dem Wissen von heute lässt sich leider nichts mehr daran ändern, dass wir jungen Menschen damals, geformt durch eine geschickte Propaganda, mit echter Begeisterung an diesen Einsätzen teilgenommen haben. Ich möchte aber auch noch einmal betonen, dass ich weder damals ein fanatischer Anhänger des nationalsozialistischen Systems war, noch heute ein unverbesserlicher Nazi bin. Ich bin aber sicher, dass damals der überwiegende Teil der Soldaten dieses Geschehen gleichermaßen wie ich erlebt hat. ...

...Mit der Rückkehr in unsere Garnisonstadt Rathenow, war unser Einsatz in der Tschechei beendet. Es gab ab jetzt (Bis 1945!) wieder eine selbständige Slowakei und das neu gebildete „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ wurde vom Außenminister Joachim von Ribbentrop zum Bestandteil des „Großdeutschen Reichs“ erklärt.

Nur 3 Wochen Auffrischung in Rathenow waren uns vergönnt, denn vom 12.5. bis 20.5.1939 ging es erneut zu einer 9-tägigen Übung im Scharfschießen zum Truppenübungsplatz Sennelager bei Paderborn. „Das Sennelager bei Paderborn erschuf der Herr in seinem Zorn!“, lautete ein Ausspruch unter uns Soldaten. Die durch den Einsatz Tschechei unterbrochene Ausbildung, jetzt im Zug- und Kompanieverband, ging nun weiter. Die frisch gebackenen Unteroffiziere wurden nun als Gruppenführer eingesetzt. Damit wurde die rein infanteristische Ausbildung des letzten Rekrutenjahrganges beendet, die uns in die Lage versetzte, auch rein infanteristisch eingesetzt zu werden, wenn es die Lage erforderte. Dass dies immer wieder der Fall war, mussten wir zu unserem Leidwesen in den folgenden Jahren nur zu oft erfahren. ...

...Dann, am 21. August 1939, trat das Bataillon in der Rathenower Pionierkaserne abermals feldmarschmäßig an, als ginge es auf eine Übung. Schließlich verließen wir am 21. August nochmals unsere Garnisonstadt Rathenow, diesmal in Richtung Norden über Stargard zum Truppen- übungsplatz „Groß Born“ Kreis Neustettin, wo wir bereits einen Tag später, am 22.August unsere neuen Quartiere bezogen haben. Jetzt wird es wohl ernst werden, dachten wir uns, denn bei den Vorbereitungen und dem Beladen unserer Fahrzeuge stellten wir fest, dass diesmal keine Übungsmunition, wie Platzpatronen oder Rauchkörper, sondern ausschließlich scharfe Munition, scharfe Minen, Sprengstoffe und Zünder mit auf die Reise gingen. Aufgrund der Entwicklung der außenpolitischen Lage in den letzten Monaten ahnten wir natürlich, was uns in den nächsten Tagen oder Wochen bevorstehen könnte: So hatte der britische Außenminister Chamberlain bereits am 17.März 1939 das Ende der Appeasementpolitik gegenüber Hitler angekündigt. Am 31.März hatte England Waffenhilfe für Polen und militärischen Beistand im Falle eines deutschen Angriffs garantiert. Am 19.Mai hatte auch Frankreich mit Polen einen geheimen Beistandspakt geschlossen. Dagegen hatte am 22. Juni die Sowjetunion das Bündnisangebot von Frankreich und Großbritanien für den Fall eines deutschen Angriffs abgelehnt, um dann 1 Monat später, am 22.August, durch Außenminister Molotow und Außenminister Ribbentrop einen deutsch – sowjetischen Nichtangriffspakt zu unterzeichnen, der in einem geheimen Zusatzabkommen die Interessengebiete in Osteuropa aufteilte. Genau an diesem Tag hatten wir unsere Garnisonstadt Rathenow verlassen und auf dem Truppenübungsplatz „Groß Born“ unsere neuen Unterkünfte bezogen. Als wir am Morgen des 23. August 1939 über Radio Kunde von der Unterzeichnung dieses Paktes erhielten, lag unsere Division nur noch etwa 35 km von der polnischen Grenze entfernt. Dennoch waren wir jungen Soldaten guter Dinge und hoch motiviert. ...