Goethestraße 36 – Weiterleben nach dem Krieg

Die folgende Geschichte wurde mir von Peter Kurth zur Verfügung gestellt. Eine Verbreitung und Vervielfältigung von Text und Bildern ist auch auszugsweise nur nach vorheriger ausdrücklicher Zustimmung durch Peter Kurth gestattet.

Vorwort
Gern stelle ich ein Kapitel aus meinem kleinen Buch „Goethestraße 36 – Weiterleben nach dem Krieg“ zur Verfügung, um es auf der Webseite www.mein-rathenow.de veröffentlichen zu lassen. Ich war noch ein Vorschulkind, als ich in meiner Heimatstadt das Ende des Zweiten Weltkrieges miterleben musste. Darüber berichte ich in meinem ersten Buch „Mittelstraße 33 alles Asche – Unsere Flucht aus Rathenow und die Rückkehr in eine zerstörte Stadt 1945“. Beide Bücher kann man in den Rathenower Buchhandlungen „Tieke“ und „Walter Specht“ kaufen.

In dem nun folgenden Auszug will ich locker und unterhaltsam einen kleinen Einblick in die unmittelbare Nachkriegszeit geben. Kindheit kann ja auch in solchen Notzeiten freudvoll und mit Abenteuerlust empfunden werden. „Ich lebte in einer zerstörten Stadt, mich umgaben verstörte Menschen. Aber das Leben ging weiter, als Kind war ich beteiligt an all den Bemühungen, Beurteilungen, Verurteilungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Irrtümern, die das Leben Ausmachten.“

Ein solcher Ausschnitt gibt natürlich nur ein unvollkommenes Bild. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Veröffentlichung dazu anregen würde, meine beiden Bücher vollständig zu lesen. Das war ja meine Absicht beim Schreiben: Wenn wir uns auch für unsere Vergangenheit interessieren, schärfen wir unseren Blick für die Gegenwart. Frieden, Wohlstand, weitgehende Sicherheit und Freiheit sind wertvolle Güter, von denen unsere Vorfahren nur träumen konnten.

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Auszug aus „Goethestraße 36 – Weiterleben nach dem Krieg“
Kapitel 11

Die Gartenkolonie am Ferchesaer Weg war ziemlich weitläufig. Im Süden wurde sie begrenzt vom Eichenweg, etwas  entfernt verlief eine Eisenbahnstrecke der „Brandenburger Städtebahn“. Dazwischen lag ein kleines Gebiet mit weißem Sand, da wuchsen nur Büsche und kleine Kiefern. Das war für Kinder ein ideales Gelände für abenteuerliche Spiele. Auch ein Rodelberg für unsere Unternehmungen im Winter war in der Nähe.

Dort nun machte sich ein alter Freund meines Großvaters daran, ein Stück „Sandwüste“ zu umzäunen und zu einem Garten umzugestalten. Ein Garten in der Kolonie war nicht mehr frei gewesen, aber es war wohl auch Abenteuerlust, was diesen Mann bewog, da zu gärtnern, wo nach Ansicht aller, die  einen gärtnerischen Verstand hatten, nie was Vernünftiges wachsen würde. Mein Großvater half aber seinem Freund beim Zaun, dann bei dem Laubenbau und schließlich auch beim Obstbaumpflanzen und bei der Installation einer kleinen Gartenpumpe. Bald erfuhr ich auch den Hintergrund für diese zuversichtliche „Neulandgewinnung“: Opas Freund war im ersten Weltkrieg Kolonialsoldat in Afrika und traute seinem vorerst toten Gartenboden durchaus einiges zu. Er entwickelte aber dann auch Aktivitäten, die all die Zweifler allmählich in andächtiges Staunen versetzten. Er baute sich einen zweirädrigen Karren und fuhr damit Kiefernnadel-Waldboden in sein Kolonialreich, pflanzte darauf Farne und wässerte und düngte sogar Brennnesseln. Die Krönung seiner Aktivitäten war jedoch, dass er zu Hause keine gewöhnliche Toilette mehr benutzte, dass er sogar seine Nachbarn um Hilfe bat, den Transport-Eimer zu füllen (eine Familie hatte er nicht, wenn  ich mich recht entsinne), und dass er täglich mit seinem stinkende Eimer den Eichenweg entlang kam, als wäre das ganz normal. Und er erzielte langsam aber sicher auch bescheidene Ernteerträge. Verwunderlich war es auch für die Gartenfreunde, dass er, weil ein Fass nicht zur Verfügung stand, keine Jauche produzierte, sondern Misthaufen anlegte, die wiederum mit Waldboden und sogar mit kleinen Zweigen aufgelockert wurden.

Insbesondere mit seinen Obstbäumen erregte er Aufsehen. Die trugen bald gute Früchte. Als er sich einmal beim Okulieren eines Apfelbaumes heftig in den Finger schnitt und stark blutete, ich war „Augenzeuge“, legte er einen alten Lappen auf die Wunde und umwickelte das mit Isolierband. Ich sah mit Grausen zu, er beruhigte mich aber: „Damals in Afrika haben wir auch kein großes Theater gemacht, wenn wir verwundet waren!“  Diesmal war aber die robuste Selbsthilfe nicht von Erfolg gekrönt. Onkel Otto, er hatte den gleichen Vornamen wie mein Großvater, bekam eine Blutvergiftung und musste nun doch ein ziemliches Theater über sich ergehen lassen. Das war denn auch Anlass für meinen Opa, seinen Enkel dahingehend zu belehren, dass nicht alles, was der alte Kolonialsoldat so macht, bewundert werden sollte. Zu dieser Zeit war ich wohl etwas zu oft in dem seltsamen Garten und mein Großvater könnte deshalb auch ein wenig von Eifersucht geplagt worden sein.

Ich weiß nicht, wo das Ding herkam, aber wir hatten zu Hause in einer Kellerecke eine alte Pistole, ein Museumsstück, zu liegen. Doppelläufig mit jeweils zwei Zündlöchern und verrosteten „Hähnen“ darüber. Auch der Abzug bewegte sich wegen des Rostes nicht mehr. Vielleicht hatte sie der Opa im Wald gefunden, da lag damals alles Mögliche herum.

Und vielleicht hatten mich die kleinen kriegerischen Geschichten des Kolonialsoldaten Otto angeregt, dieses  Monstrum zum Spielen in den Trümmern mitzunehmen und damit gegenüber den Kameraden so richtig anzugeben. Ich hatte auch noch einen alten Ledergürtel, da konnte ich das Schießeisen recht malerisch „am Mann“ befestigen.

Als das zu Hause heraus kam, es war wohl noch am gleichen Tag, wurden alle blass. Sicher war es schon ein unverantwortlicher Leichtsinn, solch einen Fund überhaupt aufzuheben und mitzunehmen. Waffenbesitz! In dieser Zeit spielte es keine Rolle, dass von so einem Fundstück keinerlei Gefahr ausgehen konnte. Manch ein Mitbürger verschwand damals aus politischen Gründen, aber auch wegen irgendwelcher Dummheiten für lange Zeit. Die sowjetische Militäradministration in Berlin Karlshorst unterhielt 10 Speziallager, in denen in den ersten Jahren nach dem Krieg über 100.000 Deutsche ohne Gerichtsurteil gefangen gehalten wurden. Es galt also, sofort zu handeln. Vater nahm das Ding und warf es in der Dunkelheit von der „Konsumbrücke“ in den Havelkanal. Zum Glück hatte aber meine Ahnungslosigkeit keine Folgen.

Gleich nach dem Ende der Kampfhandlungen gab es einen Befehl, dass alle Radioapparate abzuliefern waren. Die Abgabe und die Bezeichnung des Gerätes wurden quittiert. Es ging wohl darum, dass nur die ihr kostbares Eigentum zurück bekommen sollten, die eine Überprüfung ihrer eventuellen Nazi-Vergangenheit gut überstanden hatten. Großvater hatte ein für damalige Verhältnisse gutes Radiogerät der Marke „Blaupunkt“, und er hat es nach einer Zeit des bangen Wartens tatsächlich wiederbekommen.

Unser Kurfürstendenkmal aber musste gar nicht erst überprüft werden, sein  Schicksal war eigentlich schon besiegelt: Weg damit! Da steht ein Ahne der  Hohenzollern als siegreicher Kriegsherr selbstherrlich ganz oben, und ganz unten sitzen angekettete Kriegsgefangene. Wenn man sich in das Denken der Sowjets hineinversetzt, die ihren Sieg mit so viel Blut und Tränen erkämpft hatten, die einen so starken und so überheblichen Gegner niedergerungen hatten, ist es vorstellbar, wie man es geschafft hat, die Sieger umzustimmen? Da waren Rathenower sehr diplomatisch, auch wohl sehr hartnäckig im Rahmen dessen, was ihnen möglich war. Die Ketten wurden entfernt, die Gefangenen wurden so symbolisch befreit, das Denkmal wurde begnadigt. Jahrzehnte saßen die „Schweden“ zwar mit verzweifeltem Gesichtsausdruck, aber ohne Ketten auf den Stufen des Denkmals. Und die Ketten, die wir nun wieder am Denkmal haben, sind nicht mehr ganz so schwergewichtig wie einstmals.

Der „Blaupunkt“ war insbesondere abends für uns eine unverzichtbare  Nachrichtenquelle. Die Zeitungen, die wir zu lesen bekamen, waren so einseitig ausgerichtet, dass fast alle die wir kannten froh waren, wenigstens „Westradio“ hören zu können.

Die im Krieg nur mühsam aufrecht erhaltene Einigkeit der Siegermächte brach nun bald auseinander. Die Zeit des „Kalten Krieges“ begann. Wir erfuhren, dass in den Westzonen manches anders als bei uns gehandhabt wurde. Es sah nicht danach aus, als wenn sich in der Besatzungszone, in der wir lebten, noch etwas grundsätzlich ändern würde. Die Zeitungen verbreiteten Optimismus, die Menschen waren insgeheim pessimistisch.

Im Sommer 1948 wurde ich langsam darauf vorbereitet, dass ich bald eine Schwester oder einen Bruder bekommen würde. Ich war nun 8 Jahre alt, also viel zu jung, um darüber nachzudenken, wie sehr meine Eltern auch in dieser Zeit gewillt waren, sich eine schöne Zukunft zu erkämpfen. Ich kam mitten im Krieg auf die Welt, als Wunschkind, wie mir von allen versichert wurde. Irgendwie, dachten meine Eltern, wird es schon gehen. Mein Bruder ist ein Nachkriegskind, er wurde in einer zerstörten Welt, in einer äußerst unsicheren Zeit geboren, und er war auch ein Wunschkind, das habe ich mit meinen 8 Jahren miterleben können. Wie viel liebevolle Mühe wurde aufgebracht, um alles zu besorgen, was für ein Neugeborenes in dieser Zeit gebraucht wurde!

Die einfachsten Dinge, aus heutiger Sicht, waren ganz schwer zu bekommen. Eine Nuckelflasche aus „Jenaer Glas“, damit ein heißer Inhalt die Flasche nicht zerspringen lässt, aber eben aus Glas, also leicht zerbrechlich, - es gab nicht mehr viele solcher Flaschen, die den Krieg überstanden hatten, und die wenigen wurden für Unsummen angeboten. Mutter nähte einen schützenden „Mantel“ aus mehreren Stofflagen für diese einzige Flasche, die sie auftreiben konnte und die so viel Geld gekostet hat. Vater besorgte einen Kinderwagen. Ein einmalig schönes Gefährt belgischer Herkunft, schwarz, mit verchromten Metallstreifen, kugelgelagerten Rädern, mit einem Windelfach unten im Innenboden. Wie er zu diesem Wagen gekommen ist, das kann ich nicht mehr sagen. Bekleidung für das Kind war nicht das Problem, Mutter nähte, bekam auch manches gekauft oder eingetauscht, und Oma Lene konnte geschickt stricken. Sorgen bereitete allerdings das Alter meiner Mutter, sie war schon 39 Jahre alt.

Natürlich war da auch das Wohnungsproblem zu bedenken. So wie bisher ging es nicht weiter. Mutter suchte und fand die Lösung! In der Wilhelm-Külz-Straße, schräg gegenüber der Post, stand ein großes, einstmals hochherrschaftliches Haus. Da waren sehr große Räume, große Wohneinheiten, also wenig Wasserhähne und wenig Toiletten, auch nur wenige Öfen. Man war wohl vor Zeiten im Winter nicht gezwungen, alle Räume zu bewohnen. Aus dieser Konstellation ergab sich, dass die großen Wohnungen nicht einfach in mehrere kleine aufgeteilt werden konnten, sondern dass hier Werkstattraum zur Verfügung stand. Vater und Mutter sahen sich die Räume an, erkannten die Mängel, vertrauten auf ihre Tatkraft und wussten, das war eine einmalige Gelegenheit. So begann für uns eine neue Zeit, alles wurde anders, alles wurde besser, aber leichter wurde es nicht.