Die folgende Erzählung wurde mir von Gerborg Meyer, der Tochter von Gertrud Meyer, zur Verfügung gestellt.

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AUS MEINEM LEBEN - von Gertrud Meyer


Schon lange war es mein Wunsch, für dich, lieber Karl, und für unsere Kinder niederzuschreiben, was mir aus Kindheit und Jugendzeit in Erinnerung blieb, um Euch und den Nachfahren ein Bild zu vermitteln, wie ich aufwuchs und wie es um die Jahrhundertwende in dem kleinen Havelstädtchen Rathenow aussah.

Um die Vergangenheit lebendig werden zu lassen, muss ich weit zurückschalten. Mein Großvater väterlicherseits wurde am 16. Juli 1824 als Sohn eines Böttchermeisters in zweiter Generation in dem Hause geboren, das schon Groß- und Urgroßvater ihr eigen nannten, und in dem meines Vaters und meine Wiege stand. Um es vorwegzunehmen, ich wurde am 4.2.1902 mit blauen Augen, gleich mit einer krausen Tolle auf dem Kopf –wie meine Mutter sagte- und rotblondem Haar, wie es meinem Vater eigen war, den Eltern präsentiert.


Getrud als junges Mädchen

Besagter Urgroßvater hatte vier Söhne, die alle Vaters Handwerk erlernten und sich am selben Ort, nur wenige Straβen voneinander getrennt, als selbständige Handwerker ihr Brot verdienten. Damals ernährte das Handwerk seinen Mann und gab ihm und später seiner Familie Brot und was dazu gehört.

Meine Heimatstadt zählte in jener Zeit ca. 5000 Einwohner. Bekannt ist sie Vielen durch den Groβen Kurfürsten, der 1675 die Schweden daraus vertrieb. Später erhielt sie Weltruf durch die Optik, verknüpft mit dem Namen des Pfarrers Johann Heinrich August Duncker, dem Begründer der optischen Industrie. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie Garnisonstadt der Zieten-Husaren, (Reg. Nr. 3), die durch das farbenprächtige Rot der Uniform mit den weißen Schnüren, der blauen Überjacke und den bei der Mannschaft schwarzen, bei den Offizieren braunen Pelzmützen das Straßenbild ungemein belebten. Hochbeliebt bei Jung und Alt waren Paraden und Platzkonzerte, und wenn die Schwadronen sonntags zur Kirche marschierten oder zu Übungen mit Musik ausritten, voran die großen Kesselpauken rechts und links vom Pferderücken, eilte jeder der nur konnte ans Fenster oder vor die Tür. Die Einwohnerzahl betrug jetzt ca. 28.000.

Die Stadt bestand aus Alt- und Neustadt. Die Altstadt war ganz vom Wasser umflossen. Nach Osten führte eine feste Brücke aus Steinen (früher Holz-Zugbrücke) von der Steinstraße in die Berlinerstraße mit dem Berliner Tor. Die Hauptstraße verlief weiter in gerader Richtung bis zum Wald und weiter bis Neufriedrichsdorf, immer aber den Namen wechselnd: Stein-, Berliner-, Duncker-, Bürgermeister Friedrich-Lange- und Bammer Landstraße. In umgekehrter Richtung erreichte man über die Steinstraße nach Westen die Havelstraße mit dem Haveltor, von dem damals nur noch an beiden Seiten auf dem Bürgersteig die Torbogen mit eingelassenen Schießscharten erhalten waren. Wir drückten uns die Nasen platt, um durch die kleinen Löcher etwas vom hohlen Innenraum zu erkunden, aber vergeblich. Jedenfalls bot er Raum genug für den Schützen.

Vor dem Haveltor in westlicher Richtung lagen auf dem blanken Wasser des Havelarmes in langer Reihe die kleinen Fischerboote mit Fischkästen und Rundnetzen, die der Fischer zum Fang an einer Zugvorrichtung unten auseinanderfallen ließ und später mit der Beute hochzog. Am hohen Strand hingen Netze mit Aalreusen zum Trocknen. Manchmal saßen die Fischer auch und besserten Netze aus. Schon von Weitem hörte man das gewaltige Tosen und Brausen des Wassers der holzverschalten Wassermühle und das Getriebe der Mühlräder.

Jenseits der Havel, gegenüber dem östlichen Torbogen, lag die gewaltige Dampfmühle, ein fester Steinbau mit der für damalige Verhältnisse enormen Neuzeit- Errungenschaft, nämlich mit elektrischer Beleuchtung. Sie war es, die uns im Winter nach dem Nachmittags-Schulschluss (16.00 Uhr) noch ermöglichte, im Lichtschein der Lampen auf der kreisrunden Fläche der kleinen dahinterliegenden Körgraben bis gegen 18 Uhr Schlittschuh zu laufen. Rechts und links des schwarzen mit uralten Bäumen bestandenen Gummiweges, der von der Langen Brücke vom Haveltor zur Hohen Brücke über den Archen-Havelarm führte, die das Rathenower Stadtgebiet von Neue Schleuse, oder die Provinz Brandenburg von der Provinz Sachsen trennte, dehnten sich in weitem Ausmaß die Havelwiesen, im Sommer mit Wiesenschaumkraut, Storchnelken und goldgelben Sumpfotterblumen reich bestickt, im Winter als herrliche Eisbahn zum Schlittschuhlaufen geeignet.

Da wo Stein- und Havelstraβe zusammenstießen, stand das Alte Rathaus, im Gegensatz zum “Neuen” an der Berliner Straβe. Vor dem alten Rathaus erstreckte sich nach Norden in rechteckiger Form der Marktplatz, an den sich die Jederitzer Straβe mit Jederitzer Brücke (bis 1912 noch Holzzugbrücke) anschloss. Ihr folgte die Rhinower Straβe, Rhinower Landstraβe und das Jederitzer Feld, das an das Hohenhadener Gebiet angrenzte.

Hinter Rathaus und Steinstraβe erhob sich der Kirchberg mit der “Ev. St.-Marien-Andreas-Kirche”, einem schönen gotischen Backsteinbau aus dem 12. Jahrhundert. Ob per Bahn von Osten oder Westen oder per Dampfer oder Kahn auf den hellen Wogen der Havel kommend, immer war sie mit dem 75m hohen spitzen Turm das Wahrzeichen der Stadt, bis sie in den grauenvollen Kriegstagen 1945 zerstört wurde. Damals war Kirche gleich Burg. Was hatte sie für dicke Mauern! Und wie geheimnisumwittert waren jene Erzählungen, denen wir mit angehaltenem Atem lauschten: “Unter dem Altarraum sei ein Gewölbe mit unterirdischem Gang, der unter der Havel hindurch bis auf den Weinberg führe”. Das traf zu im 30 jährigen Krieg, wie die Chronik besagt. Später war der Gang eingefallen, streckenweise ganz verschüttet. Selbst wenn wir bei unseren kindlichen Spielen im Dämmerlicht stiller Abendstunden als Räuber und Gendarm um Winkel und Ecken des Kirchenplatzes huschten, strich es uns erschauernd über den Rücken, wenn wir nur daran dachten.

Kam man von der Neustadt über die Brücke in die Steinstraβe, konnte man hinter der zu einem großen Teil noch gut erhaltenen Ringmauer abkürzend den so genannten “Kirchgang” zur Kirche beschreiten, der Wasserpforte und Freierhof mit der Großen Kirchstraße verband, die wieder in die Steinstraβe mündete.

Parallel zum Marktplatz verlief die Salzstraβe, die als Verbindung zum Markt an der linken Straßenseite die Kleine Marktstraße hatte und jenseits des Dammes, also halb Stein-, halb Salz- und Marktstraβe, ein circa 20 qm großes von schönen alten Linden flankiertes Viereck für den so genannten “Schinkenplatz” aussparte. Hier wurde Jahrmarkt abgehalten, der sich auch durch Salz-, Große und Kleine Baustraβe, Markt und Marktstraβe zog.

Der Schinkenplatz war ein beliebter Tummelplatz für uns Kinder, im Sommer für Murmel-, Hasche- und Reifenspiele, auch gebrummkrüselt wurde hier nach Herzenslust., im Winter verwandelten wir durch Schlittern –möglichst auf Holzpantinen- die Schneefläche in spiegelglatte Eisbahnen, die in schwungvoller Kurve jeweils um die einzelnen Bäume herum endeten.

Die Salzstraβe wurde an einer Seite durch eine gebogene kurze und schmale Gasse, den sogenannten “Seitenbeutel” unterbrochen, die in die Marktstraβe mündete. Ein großes Schild über einem großen hölzernen Tor an der Biegung des Seitenbeutels trug die Aufschrift: Böttcherei Julius Meyer. Es war der Vetter meines Vaters, der hier auf dem vom Grundstück des Hauses Markt 7 durchgehenden Hof sein Handwerk ausübte. Bei Versteckspielen machten wir uns diesen Abkürzungsweg zum Markt gern zunutze.

Hinter der Brücke an der Steinstraβe lief parallel zur Salzstraβe die Kleine Baustraße und parallel zur Steinstraβe die Große Baustraße. Sie reichte von der Kleinen Baustraβe bis zum Markt, sodass die beiden großen Häuser-Karrees nur durch die Salzstraβe getrennt waren. Sämtliche Häuser hatten Höfe oder Gärten, in der Groβen Baustraβe mehrfach solche von 100 Meter Länge. Nur in der Salzstraβe gab es verschiedene Grundstücke ohne Hof und Garten, z.B. diejenigen, die nach dem Seitenbeutel zu lagen.

Meine Brüder Paul und Fritz waren zwölfeinhalb und elfeinhalb Jahre, meine Schwester Anny zehn Jahre und sieben Monate älter als ich. Die zwei Jahre vor und zwei Jahre nach meiner Geburt nach kurzem Erdendasein durch Krankheit verlorenen Hans und Erich hätten mit der kleinen Schwester aufwachsen sollen. So wurde ich fast als Einzelkind groß. Wohl versuchten die Geschwister –jedes auf seine Art- den Altersunterschied zu überbrücken. Anny hat mich als Kleinkind verwartet und ausgefahren und später mit der kleinen Trude gespielt. Bruder Fritz baute eine schöne stabile Puppenküche –mein großer Stolz und Wonne- und als ich eines Weihnachts-Heiligabends einen schönen Puppenherd mit Spiritus-Feuerung bekam, kochte Schwester Anny für das kleine Trudchen und die Puppenkinder herrliche Schokoladensuppe, buk Kartoffelpuffer und schnitt aus Eiswaffeln Brotschnitten.

Durch den frühen und plötzlichen Tod des Vaters (ich war 5 Jahre alt) wurden die Geschwister genötigt, sehr früh Geld zu verdienen. So war meiner Schwester Freizeit ab dem 16. Lebensjahr arg beschnitten, da in den Büros meist bis abends 8 Uhr (20.00 Uhr) und auch sonnabends ganztags gearbeitet wurde.

Solange Bruder Fritz, der Vaters Handwerk in der eigenen Böttcherei erlernte dann aber in eine Großböttcherei nach Berlin gegeben wurde, zuhause war, trieb er allerlei Kurzweil mit der kleinen Schwester, und tollte mit ihr und turnte durch Haus, Werkstatt und Hof.

Bruder Paul war ein Bücherwurm und viel ernster veranlagt. Kleine Brüder mochte er nicht, aber als das Schwesterchen geboren wurde, verschönte innere Freude sein Gesicht. Nach Erlernung des Kaufmannsberufes ging er 16jährig nach Bad Oeynhausen. Sein Chef holte ihn wegen Tüchtigkeit nach Berlin zurück und ernannte ihn im Alter von 24 Jahren zum Prokuristen. Er hat der kleinen Schwester manches Gute vom selbstverdienten Geld zukommen lassen und ihr später in Notzeiten immer zur Seite gestanden.


Mutter Anna Louise Seidel am Fenster, Tochter
Gertrud mit dem Fahrrad und ein paar Gesellen

Unser Haus in der Salzstraße, der Name war das untrügliche Siegel dafür, dass hier einst das große Sammelmagazin für die lebensnotwendige Würze sorgte, war ein weißübertünchtes Fachwerkhaus mit dem Giebel zur Straße. Die Nachbarhäuser grenzten unmittelbar daran, waren jedoch vorschriftsmäßig wegen Brandgefahr durch einen schmalen Gang getrennt. Das Haus hatte damals den Altertumswert von 300 Jahren und hatte sich nach hinten seitlich gesenkt, sodass sich die Gangbreite nach oben um die Hälfte fast verringert hatte. Als eines nachts mein Vater (Feuerwehr-Obermeister) zum Löschen eines Brandes fortgeeilt war (das Feuersignal wurde durch Tuten der zur Brandstelle eilenden Feuerwehrmänner von Straße zu Straße weitergegeben und besonders zur Nachtzeit fuhr ich zitternd aus dem Schlafe hoch und fand es genau so schauerlich wie später die Sirenen), stürzte schreckensbleich unsere Nachbarin ins Zimmer mit dem Ruf: “Zu Hilfe, zu Hilfe! Es brennt auf unserem Dachboden. Es brennt! Es brennt”! Nur zu leicht hätte das Feuer auf unser Haus übergreifen können. Das Lehmfachwerk brannte ja wie Zunder! Und alle wehrtüchtigen Männer waren fort. Meine Mutter erzählte später immer, wie ihr der Schreck die Glieder gelähmt hatte. Sie konnte ihre Kleidung nicht vom Haken losbekommen. Aber die tapferen Frauen haben mit Sand und Wasser den Brand eindämmen und löschen können.

Als Wächter für die einstöckigen Häuser der Salzstraße waren an den Ecken jeweils zweistöckige postiert. Man nahm sie aber nicht wichtig, denn letzten Endes stand jedes Haus auf eigenem Grund und Boden. Die Hausbesitzer waren fast durchweg Geschäftsleute.

Nr.1 Ecke Steinstraβe:Herren-Hutgeschäft Lemke
(wegen Klingeljagd war die Glocke an der Haustüre mit Stecknadelspitzen gespickt)
Nr. 2 Gastwirtschaft Braunschweig, das sogen. "Gesellschaftshaus" mit großem Tanz- und Theatersaal
Nr. 3 Schuhwarengeschft Salender
Nr. 4 Musikdirektor Peters mit eigener Kapelle
Nr. 5 Malermeister Erdmann
Nr. 6 Privathaus(?) Mit Schuhmacherei Wetzel
Nr. 7 Bäckerei Giese, später Thietke
Nr. 8 Möbelhändler Hagemann
Nr. 9 Gastwirtschaft und Ausspannung Friedrich Seeger
Nr.10 Eckhaus Scherenschleiferei und Laden Gielmann
Nr.11 Fleischerei Barthold, zu meiner Zeit in Ruhestand
Nr.12 Böttcherei Ferdinand Meyer, mein Vater
Nr.13 Fleischerei Schulz

Seitenbeutel:
Nr.14 Friseurgeschäft (?)
Nr.15 Glaserei Greiner
Nr.16 Privathaus Böhrs
Nr.17 Lederwarenhandlung und Schuhmacherei Vollenschier mit Laden

Das Eckhaus Salz-/Marktstraβe Kurzwaren und Textilien Geue gehörte zur Marktstraβe(meine Anmerkung: In der Marktstraße wohnten mein Vater und meine Großeltern).

An jeder Ecke stand in meiner frühen Kindheit noch eine große Pumpe mit langem Holzschwengel. Dort musste das Wasser für den Hausbedarf geholt werden. Gebrauchtes Wasser goss man einfach den Rinnstein hinunter bis zum Gully an der Pumpe. Das waren keine hygienischen Zustände, aber Kanalisation bekamen wir erst ungefähr im Jahre 1910.

Mein Vater war um die Jahrhundertwende ein angesehener und beliebter Böttchermeister, wenngleich ich von Mutter her weiß, dass er, als er in Neuruppin seinen Militärdienst ableisten musste, zu gern auf Lebenszeit bei der Infanterie geblieben wäre. Aber sein Vater wollte die Traditionskette nicht unterbrechen lassen.

Die geräumige Böttcherwerkstatt hinter dem Haus -durch einen schmalen Hof getrennt-, der sich seitlich um einige Meter verbreiterte und von einer großen Scheune begrenzt wurde, in der das Nutzholz, das Vater bei Holzauktionen im Walde kaufte, lagerte, bestand aus einem stabilen aus roten Backsteinen erbauten Gebäude. Im Oberstock waren die Gesellen in einem freundlichen, geräumigen Tages- und Schlafraum untergebracht. Einige hatten sich den Spaß gemacht, den ganzen Raum mit illustrierten Zeitschriften auszukleben.

Schon als kleines Kind übte die Werkstatt auf mich eine ungeahnte Anziehungskraft aus. Es war lustig anzusehen, wie der Vater und die Gesellen auf den schmalen langen Schnitzbänken wie auf einem Pferd ritten und noch lustiger, wenn beim Schnitzen sich die hauchdünnen Hobelspäne gleich Locken ringelten und nach allen Seiten flogen. Sie trugen dann einen Lederschurz, denn die Holzstäbe wurden dabei an einer Seite an die Brust gestemmt. Ganze Berge türmten sich auf und waren wunderbar zum Feuermachen und als Fütterung für den kleinen eisernen Kanonenofen, der im Winter die nötige und trauliche Wärme spendete. Die bearbeiteten Stäbe wurden mit der Kimme gemessen. Staunend sah ich, wie sich Stab an Stab reihte, wie mit Geschick die Stäbe zu verschiedenartigsten Formen zusammengesetzt bald Wannen, Fässer, Zuber, Tienen, Gilden, Butterfässer, Handfässer usw. ergaben, um die entweder in Wasser geweichte Holzbänder oder schmales Bandeisen gelegt und vernietet wurde. Mit Hammer und Stemmeisen wurden sie hoch und festgeschlagen und oft erschallte zum eintönigen aber desto lauteren BUM-BUM ein fröhliches Lied.

Sehr große Fässer, z.B. Tienen für die großen Brauereien, wurden im Hausflur zusammengesetzt, da sie ihrer Größe wegen nicht durch die Werkstatttür passten. Noch größere Fässer wie Jauche-Fässer für die Landwirtschaft mussten auf der Straβe zusammengebaut werden. Dann waren alle Kinder im Umkreis zur Stelle. Das hatte mein Vater gern, denn er war ein großer Kinderfreund!

Damals gab es weder Gas noch Elektrisch, und so wurde bei Dunkelheit die Werkstatt durch schmale sogenannte Werkstatt-Petroleum-Lampen erhellt, die einen über die Größe des Zylinders hinausgehenden Henkel hatten, an dem sie über einer Eisenstange aufgehängt wurden, die in Fensterhöhe im Abstand von etwa einem halben Meter entlang der Fensterfront angebracht war.

Zum Wochenschluss wurde die Werkstatt gut aufgeräumt, gesäubert, die vielen Schnitzmesser, Sägen, Feilen, Bohrer usw. sowie die Schnitzbänke und Hobelbänke an die Seite gerückt und in der Mitte des Raumes, der ca. 3 Meter hoch war, Ringe für mich befestigt. Mit Wonne führte ich dann meine kleinen und großen Turnkünste vor.

Vater war etwas übernormal groß, breitschultrig, hatte blaue Augen, rotblondes, welliges Haar und eine allzeit frische Gesichtsfarbe. Er wog kurz vor seinem Tode 180 Pfund.

Meine Mutter war im Gegensatz dazu ein schmales, zartes Persönchen, circa 1.63 Meter groß. Sie hatte sich durch zu frühes Aufstehen aus dem Wochenbett in der zugigen Küche eine starke Erkältung geholt, von der sie bis zu ihrem Lebensende ein Asthmaleiden behielt. Die ärztliche Kunst konnte nicht helfen, nur lindern. In den ersten Ehejahren war es so schlimm, dass sie Tag und Nacht im Bett sitzend und hustend zubringen musste und keinen Schlaf fand. Nach den Geburten der letzten drei Kinder besserte sich das Leiden von Mal zu Mal. Sehr schlimm waren jeweils die Anfälle, in denen sie nach Luft rang und zu ersticken drohte, die aber später in immer größeren Abständen auftraten. Sonst war sie allzeit heiter und flink. Die großen blauen Augen lagen tief in den Höhlen. Sie hatte einen zarten Teint und aschblondes, seidenweiches Haar (war als Kind ganz weißblond), das sie gleich einer Krone aufgesteckt trug.


Aufführung der Schlacht von Sedan, Vater Ferdinand Meyer auf dem Bild
rechts neben sitzender Dame (mit dem Schwert in der Hand)

Damals waren noch engtaillige Tuchkleider mit knöchellangen, weiten Röcken modern. Das Ganze war stellenweise wattiert, alles dick abgefüttert, die Röcke mit Stoβborte versehen. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie zur Christmette den unendlich schweren mit Soutasch besetzten, faltenreichen Pelerinenmantel mit Kapuze anzog, der bis zur Erde reichte und durch dessen ca. 2cm dickes Wollgewebe weder Kälte noch Hitze dem Körper zugänglich war. Mit Vorliebe verkroch ich mich in seinen Falten.

Ganz plötzlich und für uns alle viel zu früh bereitete ein Herzschlag dem Leben des Vaters, der nie krank war, nur in letzter Zeit immer müde, ein Ende. Ich könnte das Bild malen, wie der liebe Tote aufgebahrt im Sarg oben im Zimmer stand. Damals musste man die Leichen bis zur Beerdigung, also bis zum 3. Tage, zu Haus behalten. Die Fenster wurden dann die ganze Zeit über weit geöffnet und bald kamen die Nachbarn, Bekannte, Verwandte, um den Angehörigen ihr Beileid zu bekunden. Die Kränze und Blumenspenden häuften sich um den Sarg. Zuletzt erschien der Pastor, hielt im Hause am offenen Sarg eine Trauerfeier. Dann wurde der Sarg geschlossen, die Leichenträger trugen ihn hinaus auf den schwarzen Wagen. Die Pferde waren mit schwarzen Wolltüchern mit Seidenfransen behangen. Unter Glockengeläut setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Hinter dem Sarg ging der Pfarrer, rechts und links die allernächsten Angehörigen, danach die Verwandten und wer folgen wollte, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Auf dem Friedhof wurde an der Grabstelle noch einmal eine kurze Ansprache vom Pfarrer gehalten, der Sarg hinabgesenkt und jeder warf drei Hände voll Erde, evtl. auch Blumen auf den Sarg. Der Pfarrer sagte dabei: " Von Erde bist Du genommen, zu Erde sollst Du wieder werden. Ruhe in Frieden!" (Später wurden die Toten gleich nach der Leichenhalle auf den Friedhof gebracht und die Trauerfeier fand in der kleinen Kapelle auf dem Bergfriedhof statt). Im Sommer wurden in dieser hübsch ausgemalten Kapelle um 7Uhr morgens Frühgottesdienste abgehalten. Die Wand hinter dem Altar zeigte in schönen Pastellfarben Christi Auferstehung mit Posaune blasenden Engeln. In großen eindrucksvollen Buchstaben leuchteten an den Deckenwänden Bibelsprüche wie:
"Meine Wege sind nicht eure Wege und meine Gedanken nicht eure Gedanken, denn soviel höher der Himmel ist über der Erde, sind meine Gedanken höher als eure und meine Wege denn eure Wege. " Jes. 55, 8 u.9. und "Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöset, du bist mein!"

Der Vater meines Vaters überlebte ihn um 3 Jahre. Er war nach meiner Schätzung 1.80 Meter groß, von stattlicher Figur. Ich kannte ihn fast nur noch im Schlafrock. Er hatte ebenfalls große blaue Augen und trug einen langherabwallenden weißen Bart. Stundenlang konnte ich seinen Erzählungen lauschen, auch vertrieb er mir durch allerlei Kurzweil die Zeit. Fromme Sprüche und Lieder erhellen etwas von seinem Innenleben. Mittags hielt er ein kurzes Nickerchen im hohen gepolsterten Ohren-Lehnsesssel. Geistig und körperlich frisch berschritt er die biblische 80 um 6 Jahre. Ich besitze noch eine Fotografie, die kurz vor seinem Tode aufgenommen wurde und ihn mit seiner kleinen Enkelin Trudchen zeigt. Ein Franzose, der vorübergehend in der Gastwirtschaft Seeger wohnte, hat es angefertigt und in bunt ausgemalt. Leider ist das Ganze stark verblichen.


Gertrud und ihr Großvater

In der Gastwirtschaft waren auch manchmal interessante Personen, z.B. Chinesen, deren bunte Kimonos und lange schwarze glänzende Zöpfe wir bewunderten. Aus welchem Anlass sie in unsere Stadt gekommen waren, ist mir nicht bekannt.

Großvater hatte auch zwei Töchter: Eliese und Wilhelmine, kurz Minchen genannt. Erstere war mit dem Pfarrerssohn und Lehrer Paul Alberti in Eberswalde verheiratet, letztere mit dem Bruder meiner Mutter Albert Seidel in Charlottenburg; dies war also doppelte Verwandtschaft. Die Eberswalder kamen kurz vor Großvaters Tod noch einmal nach Rathenow. Natürlich folgte ich ihnen auf Schritt und Tritt und so war ich auch dabei, als beim Großvater der Todeskampf einsetzte. Er richtete sich mit fieberglühenden Backen im Bett auf und wollte unbedingt aus dem Bett und Zimmer. Das Bild steht mir noch greifbar nahe vor Augen. Er wurde sodann im Hausflur aufgebahrt.

In all den schweren Zeiten war ich als Nesthäkchen Mutters Trost und Lichtblick. Mein Leben spielte sich fast ausschließlich unter ihren Augen ab. Im Sommer holte ich bei Hagemanns in der Groβen Baustraβe aus dem riesigen Garten fast täglich für 2 Pfennige Schnittlauch. Das war ein Riesenbündel. Bei Wegeners um Giessmanns Ecke, also auch in der Groβen Baustraβe, gab es die herrlichsten Stachelbeeren aus ihrem Garten, das Pfund für 25 Pfennige, auch Johannisbeeren, und anderes Obst und Gemüse kaufte ich ein Haus weiter bei Gemüsehändler Nikelski ein, der mich oft auf den Arm nahm und erstmal abdrückte.

Ich war ein verträumtes, innerliches Kind, aber doch ein kleiner Wildfang, dem der oben abgebundene Haarschopf mit der großen Schleife fast immer lose zur Seite hing. Schummelchen rief man mich.

Der Böttcherei und Kundschaft wegen war eine große Klingel an der Haustür angebracht und damit die Mutter oder die Gesellen, mit denen die Mutter das Geschäft nach dem Tode des Vaters weiterführte, nicht unnütz von der Arbeit weglaufen mussten, rief ich jedes Mal bei Eintritt in den Hausflur laut und deutlich: "ICH BINS!" Der Hausflur war ca. siebeneinhalb bis acht Meter lang und hatte vorn eine Breite von ca. dreieinhalb bis vier Metern, im letzten Drittel verjüngte er sich auf ca. zweieinhalb Meter. In der Ecke vor dem Treppenaufgang befand sich die Wasserleitung mit Ausguss. Welcher Fortschritt nach der Kanalisation und welche Erleichterung. Das "Örtchen", solange auf dem Hof, wo wegen der nebenan liegenden Fleischerei manchmal die Ratten anzutreffen waren, hatte im vorderen Flur Platz gefunden. Der Tischler hatte ein stabiles Bretterhäus'chen darum gebaut. Wasserleitung in der Küche oder in Schlafzimmern war Luxus.

Wieder drehte sich das Rad der Zeit.

Das Jahrhundert der Erfindungen, der Technik und Neuerungen hatte begonnen. Es gab Gas; für uns erst einmal Automatengas, d.h. man musste immer Groschen (meine Anmerkung: 10 Pfennige) bereithalten. Der Automat gab jeweils soviel Gas ab, wie er mit 10 Pfennigstücken gespeist war, dann ging das Licht aus. In Windeseile hieß es zum Automaten laufen, der auf dem Flur und zwar ziemlich hoch angebracht war, sodass man auch noch klettern musste, und 10 Pfg.-Stücke in den Schlitz stecken. Die Glühstrümpfe (meine Anmerkung: Art Glühbirne der Lampen) mussten ebenfalls immer bereitgehalten werden.

Vorn im Flur führte eine Tür in ein sehr schönes geräumiges Wohnzimmer, das eine Höhe von ca. 2.70 Metern hatte. Dahinter befand sich früher das Schlafzimmer mit anschließendem Wohn- und Tagesraum, später in eine Wohnküche umgewandelt. Von dieser gelangte man in die Waschküche (früher Küche), die noch einen offenen Rauchfang hatte, durch den man abends die Sterne schimmern sah. Am Waschtag musste aufgepasst werden, dass kein Ruβ in die Wäsche fiel. Von der Waschküche führte eine Tür über den Hof zur Werkstatt, eine andere ins Treppenhaus. Waren viele Bestellungen eingegangen, türmten sich die fertigen Holzgefäße hoch in der Waschküche auf. Lange Zeit musste ich mich überwinden, abends im Dunkeln die Treppe emporzusteigen -sie wurde nur stundenweise oder zu bestimmten Anlässen durch Petroleum-Lämpchen erhellt-, weil sich unter meiner Fantasie die hölzernen Gegenstände im Schatten des Mondlichtes in abenteuerliche Gestalten verwandelten. Kein Wunder! Waren doch im 30jährigen Kriege schwedische Reiter durch unser Haus gesprengt und hatten sich in der Scheune auf unserem Hof versteckt. Überhaupt gab die Bauweise des Hauses Anlass genug zum Fürchten. Da war im oberen Stockwerk rechts vom Türeingang zum hinteren Zimmer eine Riesenklappe für die Schornsteinfeger, durch die gut zwei derselben in den Schornstein einsteigen konnten, und auf den Hausboden führte eine Treppe gleich einer Leiter ohne Geländer, nur mit breiteren Stufen ausgestattet, doch war nirgends ein Abschluss oder eine Tür. Nur die Kellertreppe war durch eine Rolltür getrennt.

Im oberen Stockwerk war nach hinten ein sehr schönes, viereckiges Zimmer mit 2 Fenstern, daneben ein einfenstriges. Zwischen dem letzteren und einem großen, fast immer durchsonnten Zimmer, zweifenstrig, zur Straβe befand sich ein Kämmerchen, das ein winzig kleines Fensterchen zum Gang hatte, durch das kaum Licht noch Luft hereinkonnte. Früher wurde solch ein Raum zum Schlafen benutzt, man nannte ihn Alkoven. In den Kriegsjahren 1914-1918 diente es uns als Küche. Eine kleine Kammer mit einem großen Fenster zur Straβe bot Unterkunft für das Hausmädchen.

Schon als kleines Kind konnte ich stundenlang den winzigen Staubkörnchen zusehen, die im schrägeinfallenden Strahlenbündel der Sonne aufleuchteten und durcheinander tanzten, oder dem Spiel von Licht und Schatten an der Zimmerdecke. Noch heute sind Sonnenauf- und Untergänge eins meiner schönsten Erlebnisse. Meine ersten Gemeinschafts-Eindrücke bekam ich in der Spielschule in der Gr. Burgstraβe. Das Bauen mit den glatten Holzklötzchen und Fingerspiele wie kleine Reime und Lieder, sind mir in Erinnerung.

In der Gr. Baustraβe wohnte auch Familie Giese. Welche Bewandtnis es mit der Beziehung zu derselben hatte, weiβ ich nicht. Vielleicht war es eine der vielen Vettern oder Basen der Meyerschen Großfamilie? An dem Haus rankte draußen ein schöner, weit verzweigter Weinstock, dessen Reben und später herrlich schmeckende Trauben fast zu den Fenstern hineinhingen. Das Zimmer war riesengroß und die alte Tante saß meist strickend am Fenster in einem bequemen Rohrsessel auf der sogenannten „Estrade“, einem um ca. 30cm erhöhten Sitzplatz, der die ganze Zimmerfront an der Fensterseite einnahm. Es war ein sehr traulicher Anblick, der sich einem bot, denn rechts und links standen herrlich blühende Geranien hinter den gerafften, blütenweißen Gardinen. Später – vielleicht mit viereinhalb Jahren, kam ich in den Kindergarten, in den die Kinder besser gestellter Eltern geschickt wurden. Dort lernten wir die schönen Flechtarbeiten, die ersten Stickereien auf Pappen und Uhrpantoffeln und schöne Gedichte.

Es war eine schöne Zeit.

Das Leben der Menschen vollzog sich unter gegenseitiger Anteilnahme und ohne jede Hast. An linden Sommerabenden holten die Nachbarn die Stühle aus der Wohnung und setzten sich vor die Tür. Wir Kinder aus der Umgegend bildeten einen Kreis und begannen unsere Spiele, an denen sie sich ergötzten:

Hier möchte ich einen Augenblick bei unseren Nachbarn Bartolds verweilen. Beide waren schon in den Fünfziger Jahren oder älter. Großvater Barthold saß fast immer am Fenster neben dem Nähtisch seiner Frau. Er sagte nicht viel, aber seine kleine Enkelin Ilse Liebenow mochte er gern und war zu mir immer freundlich. Wir beide waren fast unzertrennliche Spielgefährten. Mit Vorliebe saßen wir auf der Schaukel in unserem Flur oder turnten an den Ringen. Mutter Barthold war es, die uns von Adam und Eva, vom Sündenfall und der Schlange und dem Apfel erzählte. Es ging etwas Gütiges von ihr aus und wir hingen mit den Augen an ihrem Mund und erlebten alles mit. Bartholds hatten große Töchter: Martha und Frieda in Berlin in dienender Stellung. Martha in der Familie eines Amtsgerichtsrates als Hausdame, Frieda bei einem Professor. Für uns waren beide große Damen in schönen Gewändern, wenn sie zu Besuch kamen. Tante Martha war für mich wie ein Zauberwort. Immer brachte sie auch für das Trudchen etwas schönes, ein Spielzeug, eine Pralinenschachtel oder dergleichen, mit. Ich liebte sie, ja verehrte sie sehr.

Ein ganz großes Fest war es, wenn Tante Minchen zu Besuch kam. Dann rollte plötzlich eine Kutsche die Salzstraβe entlang und wir stürzten zur Begrüßung auf die Straβe. Sie blieb nie lange, aber es war eine wundersame Begebenheit. In meinen Ferien besuchte ich sie und Onkel Albert immer in Charlottenburg. Ab meinem 9. Lebensjahr fuhr ich allein bis Lehrter Bahnhof und weiter mit der Elektrischen bis zum Wilhelmsplatz, ging die Schulstraβe hinunter bis zum Haus Nr. 4 und.......war da.

Tante Minchen verwöhnte mich sehr. Hatte ich morgens ausgeschlafen, stand auf dem Balkon schon der gedeckte Tisch bereit mit dickbelegten Schlackwurstbrötchen und herrlich duftender Schokolade. Mit Minka, dem großen Jagdhund, den sie leider wegen zu wenig Auslauf verkaufen musste, tollte ich den ganzen Tag herum. Wir gingen auch öfter in die schöne breite Bismarckstraβe und weiter bis zum Reichskanzler-Platz und darüber hinaus in eine schöne Gartenkonditorei. Einmal fuhren Onkel und Tante mit mir in der Kutsche nach Wannsee. War das ein Vergnügen! Minka immer neben der Kutsche laufend, dann wieder im Wagen ruhend. Die Berliner Jungens schlugen hinter der fahrenden Kutsche Rad, um ein paar Pfennige zu erhalten. Es war zu lustig. Im Tiergarten und am Charlottenburger Knie spazierten wir abends, wenn die breiten Straβen von den vielen großen Bogenlampen erhellt waren. Es war ein schöner Anblick, besonders für solch kleines Provinzmädel. Das Fahren in der Elektrischen machte auch großen Spaß im Sommer. Es waren kurze Wagen mit einer Leinenplane berdeckt, die an den Seiten mit Fransen in Bogen herabhing. Die Sitze wurden einfach mit einer dicken Schnur zugehakt und so fuhr man richtig in der schönen Sommerluft dahin. Ja, das waren noch Zeiten!


Kaffeetrinken an der Spree, das kleine Trudchen neben ihrer Mutter

Früh nahm mich die Mutter mit an der Hand in die schönen Gottesdienste, die wir unter Glockengeläut erreichten. Schon damals liebte ich das vibrierende Schwingen der melodischen Töne bis zum leise summenden Verklingen. Das große Kirchenportal hatte etwas Erhabenes, dann die riesigen Fenster, das hohe Gewölbe, die Säulen, der Altarraum, die dicken weißen Kerzen in den hohen Silberleuchtern rechts und links vom wunderschönen Altarbild. Alles nahm mich gefangen und mit angehaltenem Atem lauschte ich den brausenden Orgelklängen.

Im Sommer waren wir täglicher Gast in der Badeanstalt rechts vom Schwedendamm. Bademeister Witt hatte ein scharfes Auge auf seine Schützlinge. Manch liebes Mal holte er mit dem langen Haken einen zu eifrigen Schwimmer aus dem reißenden Strom. Schon als Zweijährige nahm mich Schwester Anny und ihre Schulfreundin Trudchen Nikelski mit in das große Wasser. Später ließ ich mir vom Nachbarn Schulz Schweinsblasen geben und lernte mir selbst das Schwimmen. Dann wagte ich mich auch in den Strom, schwamm aber sicherheitshalber immer nur von Leiter zu Leiter. Es war trotzdem eine schöne Strecke. Wir sprangen auch aus dem Kahn, von der Treppe, von der Tonnenbrücke, vom kleinen Sprungbrett, aber vom großen traute ich mich nicht. Es bestanden strenge Badevorschriften, die sowohl hinsichtlich Zeiteinteilung wie Geschlechter-Trennung eingehalten werden mussten. Morgens war geöffnet für das Militär, vormittags und abends für Herren, ab 14 – 16 Uhr für Kinder, 16 – 18 Uhr für Damen. Links vom Eingang war das Gelände mit Umkleideräumen, Einzel- und Wechselzellen, Strand und Bad für das weibliche, rechts für’s männliche Geschlecht. Meine Freundinnen und ich wir wollten uns abhärten und kosteten daher –wenn irgendmöglich- das Vergnügen meist bis zum Abschluss der Saison am 15. September aus.

Meine Einschulung fand in der Altstädtischen Gemeindeschule in der Groβen Baustraβe statt. Der Schulweg bedeutete also für mich nur einen Katzensprung. Auf den ersten Schultag kann ich mich nicht besinnen. Jedenfalls mischte ich mich erwartungsvoll unter die ABC-Schützen. Das Lernen machte mir Spaß, im übrigen hatte ich es schon zur Anfertigung einiger Schriftzeichen gebracht. Damals wurde man in den Klassen nach Leistungen gesetzt. Schnelle Auffassungsgabe wie Reaktion und gutes Gedächtnis ließen mich sämtliche Schulklassen als Primus durchlaufen. Wir hatten gute Lehrkräfte, zum großen Teil noch mit Herz und Gemüt. Ausnahmen gab es auch damals, z.B. einen Lehrer, der mit dem Rohrstock über die Sitzbänke kletterte und drauflos prügelte, wenn Aufgaben im Rechnen falsch waren. Ein anderer (war krankhaft) litt unter Tobsuchtsanfällen, schwang mit der Geige oder dem Stuhl vom Katheder wie wild um sich, ja warf sich lang an die Erde. Er wurde dann suspendiert. Der Leiter der Schule war der allseitig beliebte Rektor August Jakob, ein Mann von kleiner Statur, energiegeladen und mit der seltenen Begabung Wissen spielend zu vermitteln, gleich ob Physik, Chemie oder Literatur. Mahnte die Klingel zur Beendigung der Schulstunde, war es wie ein Erwachen aus einer anderen Welt.

Wie sehr seine Schüler ihn verehrten, mag erhellen, wenn ich erzähle, dass sie jedes Jahr zu seinem Geburtstag mit Handwagen in den Wald zogen, um Tannen für Girlanden zu holen, mit denen der ganze Klassenraum, Tisch, Stuhl, Klassen- und Rektorzimmertür geschmückt wurde. An Blumen und Geschenken fehlte es nicht. Wir hatten das seltene Vergüngen, außer zum Geburtstag Girlanden aus Heidekraut zum 50jährigen Dienst-Jubiläum zu binden. Wir waren uns des feierlichen Aktes voll bewusst und stolz darauf, diesen Tag mitzuerleben. Der Abschied des Rektors aus dem Amt fiel mit meiner Schulentlassung zusammen.

Dass sich mit einem Schlage das Tor der Wissenschaft für mich schloss, lag lange wie ein schwerer Stein auf meinem Herzen. Mein Wunsch, Lehrerin zu werden, blieb unerfüllt. Dabei hätte ich wegen meiner Begabung auf der Lehrerinnenbildungsanstalt eine Freistelle bekommen. Aber meine liebe Mutter bangte vor den beträchtlichen Ausgaben des Drum und Dran. Es war Kriegszeit und die Mittel fehlten ihr.

Der Herbst hatte die schönsten Früchte reifen lassen. Nun fegte ein kalter Wind durch die Straβen, riss die Blätter von den Bäumen und den Leuten die Mützen vom Kopf. Immer eisiger wurde er und eines Tages tanzten die kleinen hauchzarten Schneeflocken vom Himmel. Was waren das für wunderliche und herrliche Gebilde, die Eisblumen, die dicht bei dicht am Fenster prangten. Ich hauchte ein Loch in die Eisschicht, um auf die Straβe sehen zu können. Wahrhaftig, es schneite! In dichtem, wirbelndem Tanze fielen die duftigen Gebilde vom grauverhangenen Himmel herunter. Ich klatschte vor Freude in die Hände und dann.....war die ganze Welt eingehüllt in eine dichte Schneedecke. Der große Kastenschlitten wurde vom Boden geholt, das Trudchen warm in Decken gehüllt und schon schob Schwester Anny das kleine Schwesterchen durch die Groβe Baustraβe zum Markt. Heißa! War das ein lustiges Treiben dort.

Platz da! Bahne! rief es bald hier bald dort. Manche Kinder vergnügten sich durch Schlittern auf Holzpantinen. Stuhl- und Kastenschlitten wurden über die spiegelglatte Eisfläche des Marktplatzes geschoben. Man rannte dabei und ließ sich dann in sausendem Schwung auf den Schlittenkufen mitgleiten. Eifrige Schlittschuhläufer flitzten dazwischen hindurch. Bock- und Rodelschlitten suchten sich ihren Weg. Alles war in Bewegung, alles jauchzte vor Freude! Alle hatten frische, rote Wangen. Kam einer der schönen Jagdschlitten, vernahm man schon von weitem den silberhellen Klang des Schellengeläutes, mit dem die flinken Pferde behangen waren, der anschwoll und immer leiser werdend verebbte. Wurde es zu glatt, dass weder Erwachsene noch Pferde sich halten konnten, erschien die Polizei und bereitete dem Treiben ein Ende, indem sie den Platz mit Sand bestreute. Das dauerte aber nicht lange, denn nur zu bald fiel erneut Schnee und das lustige Treiben begann aufs Neue.

Wie traulich war es hiernach im Dämmerlicht oder beim Schein der Petroleumlampe, der immer nur einen Teil des Raumes erhellte, im warmen Zimmer, besonders am lieben Kachelofen. Manchmal bullerte das Feuer oder es heulte im Ofen, wenn der Wind in den Schornstein stieß. Die Holzscheite knisterten und die Äpfel in der Ofenröhre brutzelten. Sie schmeckten großartig! Für die langen Winterabende gab es ein Zauberwort: Laterne Magica! Der Apparat wurde auf dem Tisch aufgebaut, anstelle einer Leinwand ein Tischtuch an der Wand befestigt, das Zimmer vollends verdunkelt, und dann blickten wir wie gebannt auf die projizierten Lichtbilder. Ganze Märchen –immer in Ausschnitten- wie Frau Holle, Hänsel und Gretel, Sterntaler usw. zogen an uns vorüber, oft durch unsere Ausrufe „ wie schön“ oder „ch!“ unterbrochen. Bilder mit dem durch den Wald stapfenden Weihnachtsmann mit vollbeladenem Schlitten und gefülltem Sack, aus der er Äpfel und Nüsse für artige Kinder ins Zimmer kullern ließ, oder solche auf denen er böse Buben mit der Rute strafte, erregten unsere ungeteilte Aufmerksamkeit ebenso wie Schlittschuhläufer auf der Eisbahn, Rehe im Rauhreifwald, Weihnachtsmarkt oder kleine Dorfkirchen mit hellerleuchteten Fenstern.

Der Weihnachtsmarkt fand auf dem Paradeplatz am Schleusenkanal statt. Einige Buden waren aufgeschlagen. Spielsachen, besonders Hampelmänner, Trommeln, Puppen, Lebkuchen, Weihnachtsbaumschmuck und dergl. wurden feilgeboten, vor allem aber Weihnachtsbäume. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden riesige Petroleumlampen oben seitlich an den Buden befestigt. Besonders romantisch wirkte das Ganze, wenn ein leises Schneegestöber einsetzte. Immer musste ich dann an das Anderson’sche Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ denken.

Nicht zu vergessen und zu unterschätzen war die vorweihnachtliche Kuchenbäckerei. Wie strahlten die Augen, wenn hier und da eine Mandel, Rosine oder Apfelschnitz für’s Schleckermäulchen abfiel. Emsig wurde geholfen beim Abwiegen, Rühren, Schüsselhalten usw.. Die Belohnung bestand im Ausschaben der leeren Teigschüssel.
O, du geheimnisumwobene Weihnachtszeit! Manchmal lag morgens ein Tannenzapfen aus Schokolade in meinem Pantoffel oder ein Schokoladenherz oder Spitzkuchen auf der Bettdecke. Die Tage bis Heiligabend wurden gezählt. Ob sich erfüllte, wonach das Kinderherz sich sehnte? Wohl zum hundertsten Male wurden an Mutter die Fragen gerichtet:
Bekommt Puppe Ilsebill ein neues Kleid?
Wird das Christkind den Wunschzettel gefunden haben?
Erfüllt es die Bitte für’s Märchenbuch?
Ob die Wiege ein Himmelbett hat?
Ob die Puppenküche…………….?
Und immer als Antwort: „Vielleicht“ oder „wird schon!“
Endlich hieß es: Einmal werden wir noch wach, heißa! Dann ist Weihnachtstag!

Ach, wie lang konnte solch ein Heiliger Abend sein. Tante Rös’chen war gekommen, eine Base meines Vaters. Sie hieß eigentlich Rosalie. Rosalie Thie. Ihr Mann war nach einem Gewitter im Garten vom Blitz erschlagen worden. Sie war ein warmherziges Menschenkind, klein, blauäugig und hatte immer purpurrote Wangen. Stets hielten die Hände ein Strickzeug oder die Nadel ging durch irgendeine Stopfarbeit. Sie kam regelmäßig zum Wäscheausbessern zu uns. Wie gut, dass sie mir nun die Stunden des Wartens durch Erzählen von allerlei Selbsterlebtem, durch Geschichten aus Tier- oder Pflanzenwelt verkürzte. Gab es Pausen und sie nickte ein wenig, konnte es passieren, dass ich ihr entwischt war, um schnell mal auf dem Flur durch irgendeine Ritze in der Wohnzimmertür oder durchs Schlüsselloch einen Blick aus der Weihnachtsstube zu erhaschen. Aber schnell hatte sie mich wieder eingefangen, bis endlich das Glöckchen ertönte und wir, geblendet von all den Herrlichkeiten, vor dem lichterfunkelnden Tannenbaum standen. Ein herrlich würziger Duft von Harz, Wachs, Lebkuchen und Äpfeln lag in der Luft. Vor und nach der Weihnachtsgeschichte sangen wir einige traute Weihnachtslieder.
Danach sagte ich Weihnachtsgedichte auf. Unterdessen schweiften die Augen vom Baum, der mit bunten Glaskugeln, Silberketten, vergoldeten Nüssen, Flittergoldnetzen voll süßen Naschwerks und mit Silberlametta geschmückt war, zu der vom Großvater erbauten Weihnachts-Pyramide oder Krone. Sie bestand aus Quadrat-Etagen, die oberste im Durchmesser von ca. 30cm, die mittlere von 50cm, die unterste von 70cm, jede mit einem kleinen Holzgitter versehen. An den Ecken waren Kerzen befestigt. Auf jeder Etage befand sich eine der Größe entsprechende runde Platte, auf der holzgeschnitzte schön angemalte Figuren standen, auf der oberen die Waisen aus dem Morgenland, auf der darunterliegenden die Hirten, Ochs und Eselein, auf der unteren Maria, Joseph und das Kind in der Krippe. Diese Platten standen durch einen Holzstab mit den riesengroßen Metallflügeln oben in Verbindung, die sich durch die Wärme der Kerzen drehten. So konnte man die Figuren von allen immer neu betrachten. Die Metallflügel waren mit blauem Papier und kleinen Goldsternen beklebt, auch schwebten einige Engelchen daran. Neben der Krone war eine Sandmühle aufgebaut mit weitausladender umzäunter Weide, auf der viele schneeweiße Wollschäfchen weideten. Hirte und Hunde fehlten nicht. Man wusste gar nicht, wo man zuerst hinschauen sollte. Aber dann entdeckte man die Gaben. Mit großer Liebe und oft unter Opferung der Nachtstunden waren die kindlichen Träume erfüllt worden. Glückselig huschte man zwischen Spielsachen und Eltern und Geschwistern hin und her, bis einen der Schlaf übermannte.

Den Höhepunkt des Weihnachtsmorgens bildete die „Christmette“. Schon das Wort wirkte Wunder. Kam Mutter früh um 5 Uhr zum Wecken, war ich sofort hellwach. Trat man aus dem Haus in die sternenhelle Winternacht mit dem meist tiefblauen Himmelsdom, bot die schlafende Stadt ein gar eigenes Bild: Enganeinandergeschmiegt die kleinen Häuser mit den schneevermummten Giebeln unter den Reflexen des Mondlichtes und den riesigen Schatten auf der Gegenseite, die eilig dahinhuschenden Gestalten der Kirchgänger, jede mit einem brennenden Wachsstock in der Hand. Mutter hatte erzählt von dem Engel, der zu den Menschen kam und sprach: „Fürchtet Euch nicht! –Siehe! Ich verkündige euch grosse Freude, Euch ist heute der Heiland geboren!“ Horch! Welch wundersame Töne schwebten da erst leise, dann immer lauter hernieder? Sie kamen wohl aus Engelsmund? Vom hohen Kirchturm trug die Luft den Klang der Posaunen zu uns. „Vom Himmel hoch da komm ich her….“ Es war atemberaubend! Jetzt fielen auch die Glocken mit wuchtigem Schwingen ein. Es war ein Summen, Singen und Klingen in der Luft. Die Kirche lag in völliger Dunkelheit. Wer sie zuerst betrat, versuchte mit dem schwachen, flackernden Flämmchen des Wachsstockes die Finsternis zu durchdringen. Je mehr Leute kamen, je mehr mussten die Schatten weichen, bis zuletzt eine strahlende Helle den Raum füllte.

Unter Glockengeläut und ganz durchdrungen von der Liebe Gottes, die uns das Christkind schenkte, ging es heim. Hier und da wurden an einem Baum schon die Lichter angezündet und Weihnachtslieder angestimmt.

Nachdem wir uns am festlichen Schimmer des eigenen Baumes noch einmal erfreut und Stille Nacht, heilige Nacht…. und O du fröhliche…..gesungen hatten, konnte ich mich den Freuden und Pflichten einer Puppenmutter zuwenden.

Die massive, vom Großvater für Schwester Anny gebaute Puppenstube war nach Renovierung und Ausstattung mit Glasfenstern und Tüllgardinen auf mich übergegangen. Sie hatte ein sehr schönes großes Wohngemach und ein kleineres Schlafzimmer, beide mit hübschen Möbeln ausgestattet und auf dem Tisch mit einem winzigen kleinen Tannenbäumchen mit stecknadelgroßen Kerzen, die man richtig anzünden konnte.

Später kam die schon erwähnte Puppenküche hinzu mit Küchenmöbeln und schönem Geschirr. Es fehlte weder an Töpfen, Pfannen, Holzmangeln, Quirlen, Löffeln, Messer und Gabeln, noch an Gemüse, Kartoffeln, Brot und Wurst, alles aus Marzipan. Welche Wonne, damit zu wirtschaften. Ein geräumiges von Bruder Fritz erbautes Badehaus mit Zubehör, ein wunderschöner Puppenwagen und ein großes Himmelsbett ließen mich oft die ganze Umwelt vergessen. Als ich mit Schere und Nadel umgehen konnte, schneiderte und benähte ich die kleinen Puppenstubenkinder nach Herzenslust, wozu wir uns in den Manufakturenwaren-Geschäften Bünger und Bischoff, beide am Markt, Puppenlappen erbettelten. Es waren Reste und Stoffproben bis zu ca. 30cm Größe in reicher Auswahl und Farbsortierung. Später wurden größere Puppenkinder behäkelt und bestrickt. Mit 12 Jahren machte ich Versuche auf Mutters Nähmaschine. Das erste gelungene Produkt war ein Batistkleid mit Stickerei für meine große Puppe.

Einige Wochen nach Weihnachten hatte der Weihnachtsmann über Nacht Puppenstube und Küche fortgeholt. Aber er brachte sie jedes Jahr wieder. So wurde Freude und Zauber dieser Dinge erhalten.